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Obdachlars

Eigentlich wollte der in Hamburg St. Pauli lebende Webdesigner Lars L. im Jahr 2013 nur auf kreative Weise nach einer neuen Bleibe suchen. Und jene sollte unbedingt in seinem Kiez sein, in dem der gebürtige Süddeutsche nunmehr seinen Lebensmittelpunkt sah. Er erstellte sich also eine Internetpräsenz unter dem Namen obdachlars.de, auf der er potenzielle Vermieter in ironischem Unterton auf sein Anliegen aufmerksam machen wollte. Das Feedback war zunächst auch Hoffnung erweckend, die Seite erreichte in der ersten Woche über 50.000 Aufrufe und positive Resonanz. Bis die Boulevardzeitung Hamburger Morgenpost (MoPo) sich seiner Geschichte annahm und darüber berichtete. Inhaltlich einigermaßen unspektakulär und banal. Aber wie bei Boulevardmedien nicht unüblich, stand der Text unter einer knackigen Schlagzeile: "Lieber obdachlos als Barmbek!" (Anm.: Der Titel wurde mittlerweile in der Online-Ausgabe durch einen neutraleren ersetzt)

Was darauf folgte, war ein Shitstorm, mit dem Lars L. niemals gerechnet hätte und der wochenlang von der der lokalen Presse begleitet wurde.  Von wüsten Beschimpfungen in den sozialen Netzwerken ("Hurensohn", "Schnösel", "Yuppie-Heulsuse") bis hin zu Drohungen per SMS oder nächtlichen Telefonanrufen. Per facebook wurde ihm ein "Barmbek-Verbot" ausgesprochen. Hamburg stand Kopf und Lars L. war das Thema der Saison.

Wie kann sowas sein? Das ist doch nur irgendein Typ, der eine Wohnung sucht. Wen interessiert das? Was ist da passiert? Obdachlars ist eines von mittlerweile vielen Beispielen für die unkontrollierbare crossmediale Eigendynamik und speziell in den sozialen Netzwerken. Denn Lars L. kann, wenn man es so hindrehen möchte, Vorurteile bedienen: Das Klischee des zugezogenen Medien-Hipsters mit Schwarzrand-Brille, Apple-Stuff und Wollmütze, der sich zu cool für die öden Normalo-Viertel findet. Und solche Leute mögen die Leser der MoPo eventuell nicht. Vor allem nicht, wenn die Leser in Barmbek wohnen. Die Zeitung hat mit ihrem Aufhänger den Fokus gezielt auf dieses Klischee gerichtet und damit die Lawine ins Rollen gebracht. Ob und wie die Aussage tatsächlich getroffen wurde, ist nebensächlich. Kontext? Was ist das? Humor oder Ironie? Muss man mit einem großen Schild kennzeichnen. Zählt alles nicht. Was zählt ist, dass ein Nerv bei den Lesern getroffen wird. Und dafür reichen eine gezielt gesetzte Titelzeile und ein paar ausgewählte und wohl platzierte Zitate, denn Redakteure wissen genau, wie ihre Leser ticken. 

Dieses Phänomen hat mittlerweile einen Namen: Postfaktisch. Tatsachen und Informationen treten dabei in den Hintergrund, emotional Verwertbares wird komprimiert in den Vordergrund gestellt. Und dabei lässt sich wunderbar mit Stereotypen arbeiten. Populistische Medien haben diese Eigenschaft längst erkannt und setzen sie bewusst ein. Sie sind daher besonders im Internet, wo alles schnell gehen und auf das Essentielle reduziert werden muss, oft erfolgreicher als auf Fakten basierende Informationsmedien.

Selbstverständlich gab es postfaktische Tendenzen auch schon lange vor dem Web 2.0. Die Boulevardpresse arbeitet seit jeher nach diesem Prinzip. Aber eine Zeitung konnte man lesen oder nicht. Allenfalls wurde mal ein verärgerter Leserbrief veröffentlicht. Im Web dagegen können sich durch virale Verbreitung auch Nichtigkeiten verselbstständigen und zu einer Riesensache aufgeblasen werden. Weil jeder Nutzer seinen Meinungsäußerungstrieb zu jederzeit öffentlich ausleben kann – meistens affekthaft und ohne jegliches Interesse an einer Klarstellung oder Erklärung. Die Auswirkungen können völlig unerwartet jeden von uns treffen. So wie den freiberuflichen Webdesigner Lars L., der einfach nur mit Hilfe einer witzigen Website eine neue Wohnung in seiner gewohnten Umgebung finden wollte.

Daher ist Textsupport beim Umgang mit Internetmedien nicht ganz unwichtig.

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